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Modellprojekt „Beschulung aphasischer Kinder“

in Gesundheitswesen und Politik 30.12.2007 14:03
von Fränkin (gelöscht)
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Aphasie ist eine erworbene Sprachbehinderung, die infolge einer neurologischen Beeinträchtigung durch Schädelhirntrauma, Schlaganfall, Tumor oder entzündliche Erkrankungen in unterschiedlicher Ausprägung auftreten kann. Die Betroffenen erleiden Beeinträchtigungen bei der Wortfindung und im Sprachverständnis. Fähigkeiten wie Sprechen, Verstehen, Schreiben und Lesen, aber auch Gestik und Mimik können unterschiedlich stark berührt sein. Es kann vorkommen, dass Aphasiker etwas ganz anderes sagen als sie ausdrücken wollen, nicht die passenden Worte finden, nur Silben aneinanderreihen.

Jährlich erleiden in Deutschland etwa 3.000 Kinder und Jugendliche bis zum 15. Lebensjahr eine Aphasie. Hauptursache ist das Schädelhirntrauma nach Unfällen. Die Folgen sind tragisch, weil sich die sprachlichen Fähigkeiten noch in der Entwicklung befinden. Aphasie im Kindesalter bedeutet im geringsten Fall eine zeitliche Beeinträchtigung der Sprachentwicklung. Im schlimmsten Fall aber sind sprachliche Fähigkeiten und Fertigkeiten verschüttet. Sprache kann nur mit Mühe und nicht in der Qualität der Muttersprache erlernt werden und bleibt in der Entwicklung nachhaltig beeinträchtigt.

Gesellschaftlich führt die Aphasie schnell in die Isolation. Für Kinder eine traumatische Erfahrung: Die Sprache versagt ihren Dienst, Freunde ziehen sich zurück, das Kind wird aggressiv oder depressiv, Eltern und Angehörige sind hilflos. Bis noch vor wenigen Jahren war die Aphasie beim Kind eine Behinderung, die weitestgehend unbeachtet blieb. Die betroffenen Familien wurden mit ihren Problemen alleine gelassen.

Hilfsprojekt ausgezeichnet

Die ZNS – Hannelore Kohl Stiftung hat gemeinsam mit dem Bundesverband für die Rehabilitation der Aphasiker e. V. (BRA) Hilfestellungen für die betroffenen Kinder und deren Familien verwirklicht. Das Projekt „Hilfen für Kinder mit Aphasie“ wurde von der Bleib Gesund Stiftung im Rahmen der Oskar-Kuhn-Preisverleihung 2007 für seine vorbildliche Arbeit ausgezeichnet. Unter gleich Betroffenen zu sein bedeutet auch verstanden zu werden. Daher haben sich viele Familien den intensiven Austausch mit gleich betroffenen Familien gewünscht. Meistens fehlten auch handfeste Tipps für den Alltag. Rat und Hilfe bietet nun die Projektwebseite unter http://www.aphasiker-kinder.de – heute das zentrale Internetportal für Familien und Experten. Öffentliche Foren, Echtzeitkommunikation, fundierte Informationen und Einblicke in die Situation anderer Familien sind jedermann zugänglich. Experten können ihre Facharbeiten veröffentlichen.

Geeignete Schulform finden

Viele Jahre ihres Lebens sind Kinder und Jugendliche von Beruf Schüler. Unterricht und Informationstransfer sind schon in der Grundschule auf sprachliche Vermittlung angelegt. Welche Schwierigkeiten daraus für aphasische Kinder resultieren, liegt dabei auf der Hand. Hinzu kommt, dass es auf Aphasie spezialisierte Schulen nicht gibt und die normale Regelschule zumeist überfordert ist. Auch in den bestehenden Förderschulbereichen lässt sich die Aphasie nur unzureichend einordnen. Aphasie ist weder Körperbehinderung, Lernbehinderung noch Verhaltensauffälligkeit. Daher widmet sich ein neues Projekt, das am 1. August 2007 an den Start ging, der „Beschulung aphasischer Kinder“.

Der Austausch mit betroffenen Familien zeigt, dass in Fragen einer geeigneten Schule Eltern mit ihren Problemen völlig allein dastehen. Es existieren keinerlei Erfahrungswerte oder spezialisierte Informationsstellen. Ratlosigkeit herrscht häufig auch seitens der schulischen Vertreter. Aufgrund der mangelnden Kenntnis aller Beteiligten sind Fehlbeschulungen eher die Regel als die Ausnahme. Hier Abhilfe zu schaffen ist vorrangiges Ziel des neuen Projekts. Es gilt, dringend benötigte Informationsmaterialien für betroffene Familien und für Schulen zu erarbeiten. Die Problematik der Aphasie soll in der breiten Öffentlichkeit verstärkt thematisiert und die begonnene Vernetzung mit Fachleuten insbesondere zum Thema Beschulung vertieft werden.

Dipl.-Päd. Melanie Kubandt, M. A., leitet das Modellprojekt Beschulung, die Sachbearbeitung übernimmt Monika Walter. Für die Öffentlichkeitsarbeit ist Stephan Grumbach zuständig. Um die geplanten Hilfen für betroffene Familien zu verwirklichen, sind bundesweit Fachleute als Ansprechpartner gesucht, die an betroffene Eltern weitervermittelt werden können. Betroffene Familien sowie Interessierte, die im schulischen Bereich und in der Rehabilitation tätig sind und Interesse an einer bundesweiten Vernetzung haben, sind gebeten, mit dem Bundesverband Aphasie e. V. Kontakt aufzunehmen. E-Mail: kubandt@aphasiker.de. Weitere Informationen erhalten Sie dort und bei der ZNS – Hannelore Kohl Stiftung, Rochusstraße 24, 53123 Bonn.

Quelle: Neuronal 3/2007

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