#1

Jahrestag – Erinnerungen kommen hoch!

in SCHLAGANFALL - Was nun? 31.12.2007 10:57
von Willi Daniels • 1.247 Beiträge
Heute ist mal wieder so ein denkwürdiger Tag, denn in der Silvesternacht 1997/98 erlitt ich einen Schlaganfall.

Rückblick

Jahrelang fanden sich ehemalige Marinekameraden bei mir Silvester ein, um über alte Zeiten zu quatschen, gesellig zu sein und auf ein neues Jahr anzustoßen. Silvester 1997 sollte erstmals der Jahreswechsel nicht hier in Bayern sondern im Tecklenburger Land gefeiert werden. So reiste ich mit meiner Frau und meinem damals neunjährigen Sohn mit dem Auto in den Norden. Mein Freund hatte Böller und Raketen besorgt und da mein Sohn der Meinung war, ihm würde die Knallerei zuwenig sein, kauften wir am Nachmittag noch eine Packung Luftballons in Schlangenform.

Der Abend war nett und unterhaltsam und mein Sohn fieberte schon Mitternacht entgegen, damit endlich die Feuerwerkskörper gezündet werden konnten. Bis dahin tranken wir zum Essen ein Gläschen Wein und den Abend über ein paar kleine Pils.

Die Uhr tickte und endlich war das neue Jahr angebrochen. Wir prosteten uns bei einem Glas Sekt zu und gingen raus ins Freie um das Feuerwerk endlich zu beginnen.

Mein Freund und mein Sohn waren lange damit beschäftigt die vielen Raketen und Kanonenschläge zu zünden. Endlich, so sah ich das damals, hatten sie die letzte Zündschnur gezündet und wir gingen wieder ins Haus um uns zu erwärmen. Für meinen Sohn ging das ganze natürlich viel zu schnell und er fragte mich im Wohnzimmer unserer Bekannten, ob er denn noch einen Luftballon zum Platzen bringen dürfte. Ich sagte ihm, das müsse er meinen Freund fragen, denn dieser ist der Gastgeber. Er hatte natürlich nichts dagegen und so holte mein Sohn seine Packung Luftballons zum Vorschein. Doch es stellte sich sehr schnell heraus das er nicht die Puste hatte, einen Luftballon (in Schlangenform) aufzublasen. Daher bat er meine Frau ihm zu helfen, was aber auch meine Frau nicht schaffte. Daraufhin ging er zu meinem Freund und bat diesen, ihn den Luftballon aufzublasen. War er ja schon ganz ungeduldig, denn er wollte es ja noch ein wenig krachen lassen. Aber selbst dieser hatte nicht die Puste den Luftballon aufzublasen. Mein Sohn schaute mich ein wenig traurig an und so sagte ich zu ihm: Thomas komm mal her, den blas ich dir ja trotz meines Asthmas auf.

Gesagt getan, er gab ihn mir und ich holte auf der Couch sitzend ein paar Mal kräftig Luft, führte den Luftballon zum Mund und versuchte ihn aufzublasen. Da merkte ich das sich die anderen nicht richtig Mühe gaben sondern das dieser Luftballon wirklich sehr schwer aufzublasen war. Na ja, ich wollte mir keine Blöße geben und versuchte mit aller Gewalt es zu schaffen. Ich dachte mir noch, hätte ich doch nicht so leichtfertig gesagt den blase ich trotz Asthma auf. Ich sah wie er vor meinem Mund endlich leicht sich dehnte und das war es dann.

Ich kippte um und lag bewusstlos auf der Couch. Wie mir meine Frau danach erzählte dachte sie ich würde mir einen Scherz erlauben und sie wartete ein wenig und meinte dann, „Willi hör auf mit dem Blödsinn“. Ich bekam natürlich nichts mit von der ganzen Sache und nach einiger Zeit merkte dann meine Frau das es sich nicht um einen Scherz handelte sondern das was passiert sein musste. Sie schüttelten mich und als das nicht half gab sie mir ein paar Klapse auf die Wangen. Nach 1-2 Minuten, was für alle außer mich eine Ewigkeit erschien, öffnete ich meine Augen. Ich sah in die bestürzten und erschrockenen Gesichter meiner Frau, meines Sohnes und auch die der Gastgeber und hörte sie Fragen was denn los wäre.

Für mich war klar das im Kopf was passiert sein musste, das war auch mein erster Gedanke. Ich hörte sie immer sagen, so gib doch eine Antwort, sag was los ist. Doch ich musste feststellen das ich nicht mehr reden konnte. Es kam kein Laut über meine Lippen, mein Körper war so schlapp, ich konnte mich nicht einmal aufrichten.

Der zweite Gedanke den ich hatte war, das wäre jetzt ein schöner Tod gewesen. Es ging so schnell, ich nahm nichts zur Kenntnis, ich hatte keine Schmerzen. Der dritte Gedanke war dann, wie sag ich es meiner Familie was mit mir passiert ist. Doch noch immer brachte ich nichts zustande. Im Kopf hatte ich es schon was ich sagen wollte, nur mit der Umsetzung haperte es. Ich war geistig voll da und bekam nun mit dass mein Freund die Telefonnummer des Notdienstes raussuchte und diesen anrief.

Er erzählte was passiert ist und ich bekam mit, der Notarzt vermutete, dass sich durch die Anstrengung Luftbläschen in der Lunge gebildet hätten. Das mit dem Sprechen würde sich wieder von alleine regeln, wenn nicht, dann sollte man ihn in einer halben Stunde noch mal anrufen. Da sich nichts besserte erfolgte ein erneuter Anruf beim diensthabenden Notarzt. Wie ich aus der Unterhaltung zwischen meinem Freund und meiner Frau mitbekam könne er es nicht verstehen das ich immer noch nicht in der Lage bin mich wieder vernünftig zu bewegen und wieder zu sprechen. Er empfahl daher dass sie mich in ein Krankenhaus fahren. So ging es dann nach mühsamen Einladen meiner Person bei Nacht und Nebel in die nächste Stadt ins Krankenhaus. Da mein Freund ortskundig war fuhr er mich zur Liegendanfahrt. Mühsam hievten sie mich aus dem Auto raus und brachten mich rechts und links untergehakt zur Eingangstüre, die verschlossen war. Alleine stehen und gehen war leider nicht möglich und die Frau meines Freundes betätigte die Klingel. Über die Gegensprechanlage fragte eine Dame was wir denn hier wollten. Sie erklärten ihr die Vorgeschichte mit dem Notarzt und baten, uns endlich reinzulassen, da sie mich ja mehr trugen als das ich auf meinen eigenen Beinen stand. Da bei der Liegendnotaufnahme wohl eine Kamera installiert war bekam die Schwester alles mit und sie meinte, wir hätten hier nichts zu suchen da es sich nicht um einen Liegendtransport handele, da ich ja stehen kann. Sie empfahl dass sie mich wieder in den Wagen einladen und um ein paar Häuserecken und Straßen doch zum Haupteingang fahren sollten und endlich den Notaufnahmebereich der Klinik freizumachen. Hätte ich reden können, ich hätte der Dame einiges erzählt aber so musste mein Freund sich mit ihr „rumschlagen“. Er weigerte sich den Patienten (mich) wieder einzuladen und forderte sie eindringlich auf endlich den Türöffner zu betätigen, da er sonst die Türe eintreten würde. Nach langem Wortwechsel erbarmte sich die Schwester endlich und öffnete. Mühsam schleppten sie mich mehr schlecht als recht in den Notaufnahmeraum, da die Schwester es nicht für nötig befand jemanden mit einer fahrbaren Liege zu schicken.

Endlich hatten wir den Raum erreicht und zu dritt hoben sie mich auf den Untersuchungstisch und wir warteten auf den Arzt. Es dauerte ein paar Minuten und die Tür ging auf und es erschien ein Arzt, dem ich sofort ansah was er über mich dachte. Er ließ sich über die Vorgeschichte informieren und untersuchte mich kurz. Da ich ja klar bei Verstand war fiel mir ein, dass meine Krankenversicherungskarte benötigt wird und versuchte so gut es ging mit einem Finger der rechten Hand auf meine Gesäßtasche hinzudeuten, da sich dort meine Geldbörse mit der Karte befand. Es dauerte jedoch sehr lange bis jemand begriff was ich wollte. Der Arzt meinte nur ich solle mich absolut ruhig halten da er mich sonst nicht untersuchen könnte. Ich wollte schon aufgeben mit meinen Bemühungen, doch meine Frau kam darauf was ich wollte. Sie bot dem Arzt an ihm die Karte zu geben doch dieser meinte er bräuchte sie nicht. Na gut dachte ich mir, dann eben nicht. Der Arzt hatte keinerlei Vermutungen was denn nun mit mir passiert sei und bot mir ein schönes Bett in der Klinik an. Zusätzlich würde er mir noch eine Infusion geben. Ich sollte mich dann ausschlafen und am Nachmittag könnte ich dann die Rückreise mit dem Auto nach Bayern wieder antreten. Ich sollte es aber vermeiden aufzustehen damit ich mich schneller erhole.

Kurz nach 6 Uhr morgens kam eine Schwester an mein Bett und forderte mich auf meine Krankenversicherungskarte im Erdgeschoss abzugeben da wir es versäumt hätten dieses bei der Aufnahme zu tun. Ich schüttelte so gut es ging den Kopf und zeigte ihr andeutungsweise einen Vogel. Ich war ja nicht mal in der Lage nach etwas zu greifen oder auf die Toilette zu gehen, geschweige ein paar Stockwerke nach unten zu gehen. Ein Frühstück bekam ich natürlich nicht, da ich ja spätestens am Nachmittag wieder entlassen werden sollte. Gegen 11 Uhr war Visite, ein anderer Arzt schaute mich kurz an und meinte wie schon sein Vorgänger bei der Einlieferung, ich sollte mich noch ein wenig erholen und dürfte dann wieder raus. Ich versuchte nun ihm meine Vermutung klarzumachen, nämlich das bei mir im Kopf was passiert ist. Doch es war sehr schwierig, da ich außer ein paar Worte nichts von mir brachte. Ich deutete immer wieder auf meinen Kopf und wollte ihm klar machen das ein CT davon gemacht wird. Zeigte es ihm mit der Hand an, so als würde ich ein Foto machen wollen. Es dauerte zwar lange aber es gelang mir ihm verständlich zu machen was ich wollte. Doch dieser meinte, er würde wegen mir nicht an einem Feiertag einen Kollegen kommen lassen. Er erklärte sich aber letztendlich bereit einen Neurologen kommen zu lassen damit mich dieser mal ansieht. Gut eine Stunde später ging die Tür auf und eine Neurologin begann mich nun gründlicher zu untersuchen, jedoch kein Wort von wegen CT oder MRT. Als sie ging meinte sie nur, ich sollte vorsichtshalber noch eine Nacht in der Klinik verweilen und dürfte dann am nächsten Tag nach Hause fahren. Für mich war klar das dieses nicht funktionieren kann, aber da ich mich nicht zu dem ganzen richtig äußern konnte blieb ich halt liegen und harrte der Dinge die auf mich noch zukommen sollten. Am nächsten Vormittag, es war nun ein Werktag, wieder ein neuer Arzt zur Visite. Auch diesem versuchte ich mit Handzeichen und einigen einzelnen Worten klarzumachen das endlich mal ein CT gemacht werden sollte. Irgendwann begriff er mich und veranlasste für den Nachmittag ein CT. Am nächsten Morgen hieß es dann bei der Visite, ich dürfte um 15 Uhr endgültig nach Hause fahren. Da meine Frau anwesend war versprach sie mir mich um diese Zeit abzuholen. Sie half mir beim Anziehen, verabschiedete sich und versprach mir pünktlich zu sein. Da ich nichts von den Ärzten und der Klinik hielt, hielt mich auch am frühen Nachmittag nichts mehr im Zimmer und ich schlich mich so gut es ging zum Gang und nahm bei einer Sitzecke Platz. Kurz vor dem Abholtermin sah ich wie ein älterer Arzt sich in mein Krankenzimmer begab und auch gleich wieder herauskam. Er schaute sich um und ich spürte das der wohl zu mir wollte. Er kam auch mich zu und fragte mich ob ich Herr Daniels bin, das ich nickend zustimmte. Er stellte sich als Oberarzt der Neurologie vor und er teilte mir mit das ich einen linksseitigen Schlaganfall erlitten habe. Natürlich würde es mit der Entlassung nichts werden, denn ich müsste ca. 2-3 Wochen in der Klinik verweilen. Ich schüttelte so gut es ging ungläubig den Kopf und gab ihm zu verstehen das mich in dieser Klinik nichts mehr hält. Zum Glück kam dann meine Frau mit meinem Freund und so war es leichter für mich ihm das klar zu machen. Ich hatte wirklich kein Vertrauen in diese Ärzte und ich wollte nicht mehr bleiben. Meiner Frau war das nicht ganz geheuer, doch sie merkte das sie mich nicht dazu zwingen konnte. So kam man nach einiger Zeit überein das ich die Klinik auf eigenen Wunsch und Gefahr verlasse. Der Arzt machte mir aber zur Auflage das ich mich sofort nach Ankunft ein Krankenhaus aufsuche. Eine Einweisung aber gab er mir nicht mit. Spätestens auf der Autobahn bereute ich meine Hartnäckigkeit denn 700 km war in meinem Zustand mehr als eine Tortour. Nach vielen Pausen erreichten wir am Freitagabend endlich mein Zuhause. Ich hatte zwar das Gefühl das ich bald wieder umkippe, war aber dennoch froh in gewohnter Umgebung zu sein.


Dass ich seitdem jedes Jahr zu Silvester ein mulmiges Gefühl habe, kann man wohl nachvollziehen. Sage mir einfach: „Wird schon gut gehen“.

Wie ist es bei euch? Ist der Tag eures Schlaganfalles auch in euren Köpfen drin?

Beste Grüße und dennoch einen guten Rutsch ins neue Jahr
Willi Daniels
zuletzt bearbeitet 31.12.2007 11:08 | nach oben springen

#2

RE: Jahrestag – Erinnerungen kommen hoch!

in SCHLAGANFALL - Was nun? 31.12.2007 12:21
von Manfred- Mader • 337 Beiträge

Hallo Willi,

erst einmal alles Gute zum "Geburtstag"!!!

Ich kenne diese Luftballons, da steckt ein Trick dahinter. Das Aufblasen schafft sonst keiner, als der, der den Trick kennt. Ich werde gleich veranlassen, dass mein Freund den Trick nicht mehr vorführt und das in Zauberkreisen bekannt macht!!!

Unglaublich, was für Blödsinn den Blutdruck hebt und einen Schlaganfall auslöst. Zu den Feiertagen doppelt blöd!!!
Zu Silvester nimmt ein jeder Arzt mal an, dass zu viel Alkohol im Spiel war!!! Also vorsicht an solchen Tagen!!!

Na ja, ich werde mich am 27. September nicht mehr sehr fest schneuzen, denn das löste bei mir eine Hirnblutung aus!!!
Ich sagte meiner Tochter, dass ich Schlaganfall vermute und sie gab das auch beim Telefonieren an.

Trotzdem dauerte es einige Zeit, bis ein Arzt da war und entschieden wurde, in welches Spital ich kommen kann. Für eine Lysetherapie, wäre es vermutlich schon zu spät gewesen.

Trotzdem wünsche ich Dir und Deiner Familie ein gesundes und erfolgreiches Jahr 2008

Liebe Grüße Manfred


Nach Regen kommt immer wieder Sonnenschein
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#3

RE: Jahrestag – Erinnerungen kommen hoch!

in SCHLAGANFALL - Was nun? 04.01.2008 12:45
von Hannes • 8 Beiträge

Hallo Willi,
erstmal alles Gute und maximale Erfolge im therapeutischen Bereich für Dich und alle im
Forum! Meinen Glückwunsch zum Überstehen der Hirnblutung. Ich mag mir gar nicht ausmalen, wie viel Leid Dir und Deinen Angehörigen bei schnellerer Hilfe erspart worden wäre. Leider habe ich während meiner Rehasim Anschluss an meinen Hirninfarkt auch mehrfach inkompetente völlig Überlastete in der mehrzahl weibliche als Pflegerin verkleidete Giftspinnen kennenlernen müssen.Nun zu Deiner Frage: Ich kann mich noch recht 'Gut an den T'ag meines Hirninfarktes erinnern und bin bei Interesse gerne Bereit meine Geschichte zu erzählen. Jetzt erst mal alles Gute und weil heute ein so herrlicher Sonnentag an der Ostseeküste ist ein Bild vom Strand für Dich und alle Forumler

Angefügte Bilder:
Strandbild.jpg
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#4

RE: Jahrestag – Erinnerungen kommen hoch!

in SCHLAGANFALL - Was nun? 05.01.2008 12:09
von Willi Daniels • 1.247 Beiträge

Hallo Hannes,

erst einmal herzlichen Dank für Deine Zeilen.

Muss nur eines berichtigen. Ich hatte zum Glück keine Hirnblutung. Es handelte sich bei mir um einen sogenannten weißen Infarkt (Verstopfung durch Blutgerinsel). Zum Glück blieb ich von größeren "Schäden" verschont. Probleme gibt es immer wieder mal, aber ich habe gelernt damit umzugehen. Ich kann sogar sagen, das tat ich auch schon in den Medien, dass ich auch etwas positives dem Schlaganfall abgewinnen konnte.

Ich, und ich bin mir sicher dass auch die anderen Leser dieses Forums es möchten, würde mich freuen Deine "Geschichte" hier lesen zu dürfen.

Beste Grüße an die See
Willi Daniels

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