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Auszeit für die Pflege zu Hause

in Aktuelles aus der Presse, Forschung, Gesundheitswesen und Politik 09.06.2008 09:52
von Willi Daniels • 1.247 Beiträge

Ab 1. Juli gibt es einen Rechtsanspruch auf Sonderurlaub für die Betreuung Angehöriger



Stuttgart - Katastrophen kommen meist unerwartet. Was tun, wenn ein Angehöriger einen Schlaganfall hat und man selbst berufstätig ist? Vom einen auf den anderen Tag muss dann eventuell ein Heimplatz oder ein Pflegedienst organisiert werden. Viele Menschen müssen oder wollen sich über einen bestimmten Zeitraum auch selbst um den pflegebedürftigen Angehörigen kümmern. In beiden Fällen soll das neue Pflegezeitgesetz ab 1. Juli Hilfe bieten.

Wer plötzlich einen Pflegefall in der Familie hat, kann zunächst die "kurzzeitige Arbeitszeitverhinderung" in Anspruch nehmen. "Diese zehn Tage dienen zum Organisieren der Pflege und stehen jedem Beschäftigten zu", erklärt Silke Niewohner, Leiterin der Landesstelle Pflegende Angehörige in Münster. Darüber hinaus haben Angehörige Anspruch auf bis zu sechs Monate unbezahlten Urlaub, wenn sie sich selbst um die Pflege ihrer Familienmitglieder kümmern. "Diese Pflegezeit ist allerdings nur bei Beschäftigten in Betrieben mit mehr als 15 Mitarbeitern möglich."



Voraussetzung für beide Formen der Pflegezeit ist, dass ein naher Angehöriger zum Pflegefall geworden ist. Dazu zählen laut Niewohner neben den Eltern und Ehepartnern auch Großeltern, Schwiegereltern und eigene Kinder. Aber auch Lebenspartner, Geschwister oder Adoptiv- und Pflegekinder sind nach dem Pflegezeitgesetz nahe Angehörige. Wer Pflegezeit in Anspruch nehmen möchte, braucht vom Arzt eine Bescheinigung.

Während der Pflegezeit bekommt der Mitarbeiter aber kein Gehalt. Allerdings ist er zumindest teilweise weiterhin sozialversichert. "Für die sozialversicherungsrechtliche Absicherung während der Pflegezeit gibt es eine sehr gute Lösung", sagt Adolf Bauer, Präsident des Sozialverbandes Deutschland (SoVD) in Berlin. So ist der Arbeitnehmer Bauers Angaben zufolge während der Pflegezeit in der Arbeitslosenversicherung und der Rentenversicherung weiterversichert. Die Beiträge werden von der Pflegekasse oder den anderen Leistungsträgern übernommen.

Das gilt nicht für die Kranken- und Pflegeversicherung. Hier sollte sich der Pflegende nach Angaben des SoVD freiwillig oder privat versichern, wenn er nicht über ein anderes Familienmitglied mitversichert ist. Allerdings gibt es Hilfe von der Pflegekasse: "Die Zuschüsse belaufen sich auf die Höhe der Mindestbeiträge, die von freiwillig Versicherten gezahlt werden", so Bauer.

Experten empfehlen, sich vor dem Thema im Gespräch mit dem Arbeitgeber nicht zu drücken. "Man sollte so früh wie möglich die Frage besprechen, ob es eventuell zu einer Situation kommt, in der Angehörige zu pflegen sind", rät Stefan Becker, der Geschäftsführer der gemeinnützigen Beruf und Familie GmbH in Frankfurt. Das vermeide Überraschungen beim Vorgesetzten, wenn es plötzlich zu einer akuten Verschlimmerung des Angehörigen kommt und der Mitarbeiter schnell die Pflegezeit in Anspruch nehmen muss.

Einige Unternehmen hätten sich mit dem Thema schon beschäftigt und böten sogar Unterlagen dazu an, welche Möglichkeiten es in der jeweiligen Stadt etwa zur Kurzzeitpflege oder zur Beratung von Angehörigen gibt. "Wir befürchten, dass die Umsetzung des Gesetzes auf erhebliche Widerstände stoßen wird", sagt Becker. Viele Betriebe seien darauf nicht vorbereitet. Er rät daher, mit dem Arbeitgeber über flexible Möglichkeiten zu verhandeln. "Das neue Gesetz ist wichtig, weil es die Verhandlungsposition des Arbeitnehmers gegenüber dem Arbeitgeber stärkt. Aber es ist nur eines von mehreren Instrumenten."

Manchmal könne es sinnvoll sein, einen Telearbeitsplatz einzurichten. Und wenn der Mitarbeiter im Schichtdienst arbeitet gebe es die Möglichkeit, in sogenannten Familienschichten, die nicht rotieren, zu arbeiten. Auch Teilzeitarbeit ist eine Alternative, wenn jemand nicht komplett aussteigen möchte. Nach dem Teilzeit- und Befristungsgesetz, darauf weist die Beruf und Familie gGmbH hin, hat ein Arbeitnehmer nach mindestens sechsmonatiger Beschäftigung in Betrieben mit mehr als 15 Mitarbeitern einen Anspruch auf Verringerung der Arbeitszeit, wenn nicht wesentliche betriebliche Gründe entgegenstehen. Teitzeitarbeit muss man mindestens drei Monate vorher beantragen.

[] Kostenloses Infotelefon der Landesstelle für pflegende Angehörige Münster: 08 00/ 2 20 44 00; http://www.beruf-und-familie.de

StZ/StN

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