#11

RE: Schwarzes Loch - Betroffene und Angehörige

in SCHLAGANFALL - Was nun? 15.11.2008 11:33
von Elfe • 132 Beiträge

Hallo Christine,

herzlich willkommen hier im Schlaganfall-Forum. Ich denke, dass Du hier gut aufgehoben bist, da ein Großteil der Aktiven hier „nur“ Angehörige eines Betroffenen sind.

So wie ich z.B. auch. Mein Mann erlitt im November `06 eine massive Hirnblutung, die er
nach Einschätzung des Neurochirurgen nicht hätte überleben dürfen. Neben der Angst um sein Leben begleiteten mich von diesem Tag an die Aufgaben die ich sowieso zuhause zu erledigen hatte, die Sorgen um unsere finanzielle Zukunft und all die Aufgaben, für die mein
Mann früher zuständig gewesen ist.
Mein Arbeitstag belief sich am Anfang in der Akutphase auf 24 Stunden. Die ersten zwei Wochen schlief ich höchstens mal 5 Minuten. Davon abgesehen stand ich so unter Strom, dass ich gar nicht hätte schlafen können, selbst wenn ich es gewollt hätte.

Gesprächspartner fehlten mir in der Akutphase überhaupt nicht. Ganz im Gegenteil. Gott und die Welt rief an, wollte auf dem neuesten Stand gehalten werden. Es war manchmal so schlimm, dass ich das Telefon ausstöpselte, damit ich wenigstens um die Mittagszeit, wenn die Kinder aus der Schule nach Hause kamen eine halbe Stunde Ruhe hatte, um mich ihren Sorgen widmen zu können.

Ich musste nicht nur mich auffangen, sondern ebenfalls meine Kinder, die mit der ganzen Situation hoffnungslos überfordert waren. Fast jeden Abend hatte ich ein weinendes Kind bei mir im Bett liegen und musste ihm das Gefühl von Stärke und Geborgenheit geben, obwohl mir selber zum heulen zu mute war und ich jemanden hätte brauchen können, der mir dieses Gefühl vermittelt hätte. Noch nicht mal meine Schwiegereltern oder Eltern konnten mir helfen. Ganz im Gegenteil musste ich ihnen noch Mut zusprechen, weil auch sie fast verzweifelten.

Jeder bewunderte mich, wie ich die Situation doch meisterte, wie stark ich war. Diese Sätze höre ich auch heute noch…immer wieder und sie ärgern mich, weil keiner sehen will, wie es
es in mir drinnen aussieht. Diese „Stärke“ führte dazu, dass ich diesen Sommer einen totalen
Burn out hatte. Schnell war mir klar, dass ich aus dieser Situation nicht mehr alleine raus kam
und holte mir umgehend psychologische Hilfe. Diesen Schritt hätte ich schon viel eher machen sollen. Schritt für Schritt lernte und lerne ich immer noch zu erkennen, dass ich als Mensch genau die gleichen Rechte auf Ruhe und Bedürfnisse habe, wie jeder andere auch, dass ich lernen muss, auf mich Acht zu geben, mein Leben zu leben, denn es ist MEIN Leben.

Was früher für mich undenkbar war (nämlich alleine ohne meine Familie etwas zu unternehmen) ist für mich nun der Strohalm vor dem Ertrinken geworden. Nur dann, wenn ich alleine bin ist sicher gestellt, dass ich die Ruhe bekomme, die ich wirklich brauche. Und soll ich Dir etwas sagen, hatte ich anfänglich noch gedacht ein schlechtes Gewissen zu haben, so ist mir ganz schnell bewusst geworden, dass ich es nicht mehr habe. Ganz im Gegenteil..ich genieße die Stunden, die ich nur für mich habe.

So wird es diesen Monat das erste mal in meinem Leben sein, dass ich völlig alleine für zwei Tage verreise, nächsten Monat steht schon wieder die nächste Reise an und ich hoffe, dass es noch viele weitere Reisen werden.

Die Gesprächspartner von früher rufen heute nicht mehr an. Wozu auch? Es gibt ja keine sensationellen Neuigkeiten mehr.. es plätschert ja nur noch alles so dahin und wer möchte schon gerne über meine Sorgen, Ängste und Nöte etwas hören?
Wer hört schon gerne, dass unser Familienleben nicht mehr das ist, was es einmal war. Jeder verkrümelt sich lieber gerne in seine heile Welt und macht die Türe hinter sich zu.
Vielleicht kann es auch keiner nachvollziehen was es heißt, wenn der Partner sich durch solch eine Erkrankung völlig verändert hat und nicht mehr der Partner ist, der er mal war.

Ich hoffe, dass auch Du Dein Leben (wie auch immer) in den Griff bekommst und Zeit für Dich finden wirst.


Liebe Grüße von

Steffi

"Lebe und genieße die glücklichen Stunden des Lebens"
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#12

RE: Schwarzes Loch - Betroffene und Angehörige

in SCHLAGANFALL - Was nun? 15.11.2008 11:57
von Elke_Hillbrand

Hallo Christine,

auch von mir ein -liches Willkommen hier im Forum.

Es ist sicher gut für dich, dass du uns gefunden hast. Hier kannst du auch dauerhaft Zuhörer finden, und Verständnis für deine Probleme bekommen, da viele hier die Situation kennen.
Es ist unsere Erfahrung, dass es schon sehr hilfreich ist, sich auf diesem Wege austauschen und sich gegenseitig unterstützen zu können.
Corinna, Steffi und ich waren alle mitbetroffene Ehefrauen mit kleinen Kindern, als das Schicksal zuschlug. Einen großen Teil von dem, was die beiden schreiben, hätte auch ich schreiben können.

Auch ich würde mich freuen, wenn du mehr von dir (euch) erzählen würdest. Wenn du magst kannst du auch in der Kummerecke einen eigenen Blog einrichten, in dem du von dir und deiner Geschichte erzählst. Aber an dieser Stelle kannst du natürlich auch weiter berichten, was dich beschäftigt.

Wir suchen im Moment gerade einen passenden Termin für einen Angehörigen-Chat wo wir uns dann treffen wollen. Du bist dort auch willkommen, wenn du magst.

LG
Elke


"Möge Gott mir die Gelassenheit geben,
die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!"
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#13

RE: Schwarzes Loch - Betroffene und Angehörige

in SCHLAGANFALL - Was nun? 18.11.2008 23:50
von Christine • 3 Beiträge

Hallo alle zusammen,

erst einmal herzlichen Dank für die vielen lieben Worte, Tipps, Hinweise usw.
Ihr wolltet gern Näheres über uns erfahren.
Mein Mann hatte 2007 einen Herzinfarkt - Reanimation - als Folge dann einen Schlaganfall.
Hinzu kam noch ein Kompartsyndrom.

Eure Beiträge haben mir so richtig aus dem Herzen gesprochen.
Besonders von Dir - Elfe. Dies könnte ich auch so "erzählt" haben.
Auch bei mir war es so - in der Akutphase habe ich die paar Stunden, die ich zu Hause war
mit telefonieren verbracht. Jeder rief an und wollte informiert werden.
Aber heute muss ich auch sagen, dass sich viele zurückziehen. Ich denke, dass viele Menschen
nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Nun kann man sagen, was sind das für Freunde?
Vielleicht würde es mir auch so gehen? Ich möchte dies nicht verurteilen.
Ich werde mir, Dank Eurer Beiträge sicher Mühe geben, auch mal an mich zu denken.
Zumindest wie es in unserer Situation möglich ist. Es wird sicher nicht auf Anhieb klappen, aber
ich denke, dass ich zumindest theoretisch auf einem guten Weg bin.
Klar frage ich mich immer wieder - verlange oder erwarte ich zu viel? Neben der Angst um die Gesundheit bzw. Genesung sind die Sorgen um die finanzielle Zukunft da.
Sicher liegt vieles auch an den Menschen selber. Doch nicht jeder hat so viel Humor, um die Situation locker zu meistern. Es ist sicher nicht einfach von heut auf morgen mit der Situation - nichts ist mehr wie es war - klar zu kommen.
Aber es ist schön, mit Menschen, die meine Probleme verstehen zu kommunizieren.
Ich werde sicher, sobald ich etwas Zeit habe immer wieder im Forum reinschauen.Vielen Dank.
LG Christine

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#14

RE: Schwarzes Loch - Betroffene und Angehörige

in SCHLAGANFALL - Was nun? 29.07.2009 21:27
von Gisela • 1 Beitrag

Ich habe gar nicht gewusst, wie viele Frauen es gibt, die ähnliches erlebt haben wie ich. Es ist tröstend zu wissen, dass andere ähnliche Probleme haben.
Mein Mann erlitt während einer lebensrettenden OP vor knapp 2 Jahren mehrere schwere Schlaganfälle, war anschließend ein halbes Jahr in der Reha und kam dann nach Hause. Zunächst war sein Ergeiz noch vorhanden, aber allmählich ließ das nach. Seine Wesensveränderung wurde immer offensichtlicher und damit komme ich gar nicht klar. Auch unsere Kinder haben damit Probleme und so versuche ich, alles aufzufangen. Dabei bleibt man selbst auf der Strecke. Ich habe zum Glück gute Freundinnen (das zeigt sich gerade in solchen Extremsituationen), die mir geraten haben, eine Therapie zu machen. Das habe ich jetzt angefangen und es geht mir besser damit. Aber ich hadere mit dem Schicksal, wünsche mir mein altes Leben zurück und weiß genau, dass ich davon Abschied nehmen muss.
Jetzt versuche ich mir Rückzugsmöglichkeiten zu suchen. Damit ist alles ein bisschen erträglicher.

Gisela

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#15

RE: Schwarzes Loch - Betroffene und Angehörige

in SCHLAGANFALL - Was nun? 18.08.2009 08:53
von Maria & Co • 1 Beitrag

Hallo!
Auf der Suche nach Antwort auf meine Gefühle und Beobachtungen bezüglich der Wesensveränderung meines Mannes bin ich auf dieser Seite gelandet und bin betroffen, wie viele Leute es gibt, die ähnliches erleben.
Mit großem Interesse habe ich die verschiedenen Berichte gelesen und fühle mich das erste Mal wirklich verstanden.
Danke
Maria

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