#1

Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 11.02.2009 11:40
von Corinna Iden • 532 Beiträge

Ich musste für meine Therapeutin " Hausaufgaben " machen.
Ich denke , ich habe mein Ding auf den Punkt gebracht.

Angehörige sind auch Betroffene

Mein Mann war 32 als er seinen dritten Schlaganfall bekam.
Von dem Tag an war alles anders.
Er konnte nicht mehr laufen,nicht sprechen, er war nicht mehr "mein" Mann.
Und das waren erstmal nur die sichtbaren Defizite,all die anderen Dinge kamen erst später.
Dinge die mir keiner sagte , wo mich niemand drauf vorbereitet hat.
Die Unfähigkeit zu lesen ,zu schreiben,einfache Handlungen auszuführen ,sich Kleinigkeiten zu merken oder sich auf etwas zu konzentrieren.
Ich lief ständig Gefahr, ihn auf dem Stand eines Kindes reduziert zu sehen, auch heute noch.
Das schlimmste war und ist immer noch seine Hypoxie , die Wesensveränderung.
An manchen Tagen hatte ich das Gefühl , mir wurde mein Mann genommen und ein anderer mit genau dem selben Aussehen gegeben,aber eben doch ein anderer.
Auch nach mittlerweile fast sechs Jahren habe ich immer noch Schwierigkeiten damit umzugehen.
Sechs Jahre , in denen so viele Menschen meinen Mann bewundert haben , wie hart er an sich gearbeitet hat,sich wieder aufgerappelt hat,den Weg zurück gefunden hat.
Die wenigsten fragten wie es mir geht ,sahen die ganze Arbeit die ich im Hintergrund machte.
Manche sagten mal , das ich ziemlich stark bin,aber keiner fragte ob ich das denn auch sein wollte.
Ich wollte und will mich auch heute noch einfach mal klein und schwach zeigen,will es einfach mal sein dürfen.
Ich will manchmal ausbrechen dürfen aus allem,schließlich habe ich mir das so wie es ist nicht ausgesucht.
Ich will so oft in mein "altes" Leben zurück,meinen "alten" Mann wiederhaben.
Vielleicht mag das manch Außenstehenden egoistisch erscheinen.
Die Betroffenen haben ein schweres Los , das will und werde ich nie anzweifeln,aber sie bekommen auch mehr Hilfe und Unterstützung.
Wir , die Angehörigen , stehen jedoch meist alleine da.
Aber wir müssen auch mit den Defiziten leben lernen,unser Leben neu gestalten und von vielen Abschied nehmen.
Angehörige sind auch Betroffene .


____________________

Jedermann will einen Freund haben ,
aber nur wenige geben sich die Mühe ,auch einer zu sein.

(A.Kerr)
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#2

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 12.02.2009 00:24
von Manfred- Mader • 337 Beiträge
Hallo Corinna,

meine Frau gibt dir ganz sicher Recht, auch bei uns ist es so.

Manchmal frage ich mich, wer eigentlich der Leidtragende bei uns ist. Ich bin nicht mehr der, der ich einmal war, aber ist es wirklich meine Schuld? Vielleicht ja, weil ich mein Leben in vollen Zügen genoss und weniger auf die Gesundheit achtete. Meine Frau lebte übrigens genau so und manche unserer Freunde auch.

Viele Freunde leben noch immer so, Walter ist vorige Woche gestorben.

Und so vergeht die Zeit, man wird älter und denkt über die Vergangenheit nach, über das was schön war, oder man besser gelassen hätte. Nur, was bringt`s?

Schau in die Zukunft und mache es besser, oder vielleicht anders. Die alte Zeit bekommst du nicht wieder, aber die Neue kann besser werden.

Das wünsche ich dir ehrlich!!!

Liebe Grüße Manfred

Nach Regen kommt immer wieder Sonnenschein
zuletzt bearbeitet 12.02.2009 00:25 | nach oben springen

#3

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 12.02.2009 08:31
von Willi Daniels • 1.247 Beiträge

Hallo ihr zwei,

wie ihr wisst, denke ich schon lange so (als Betroffener), dass die wirklich wahren Betroffenen oft die Angehörigen sind. Ganz schlimm finde ich wie sehr es auch die Kinder trifft. Sie geraten oft in Vergessenheit, es wird meist immer nur vom Partner gesprochen.

Passend zu dem was war:

"Schöne Tage
nicht weinen, daß sie vergangen,
sondern lächeln, das sie gewesen.
"

Beste Grüße
Willi Daniels

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#4

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 12.02.2009 13:22
von Corinna Iden • 532 Beiträge

*Manfred
Tut mir leid mit Walter.
Mein ich auch ehrlich.


Kinder zähle ich mit zu den Angehörigen,das nur zur Erklärung.
Das ist dann allerdings auch wiederum die Aufgabe der "großen" Angehörigen,die Kids auch noch aufzufangen.
Ich denke , da kann so manch einer hier eine ganze Symphonie von singen.
Wo ich vor drei oder vier Nächten obige Hausaufgabe geschrieben habe,bin ich auch mal ganz bewußt den Weg zurück gegangen.
Ich muss sagen , angenehm war es nicht.
Heute weiß ich garnicht mehr , wo ich die Kraft hergenommen habe um an allen Fronten gleichzeitig zu sein.
Ich denke , ein paar Sachen habe ich schlicht und einfach ausgeblendet.
Nur leider kommen genau solche Sachen immer durch die Hintertür wieder.
Mir sagte mal jemand , Wilfried kommt mit der Sache besser zurecht wie ich.
Habe ich als völligen Blödsinn abgetan,er hatte doch die Schwierigkeiten ,ich doch nicht.
Naja , heute weiß ich es besser.

LG
Corinna


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Jedermann will einen Freund haben ,
aber nur wenige geben sich die Mühe ,auch einer zu sein.

(A.Kerr)
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#5

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 13.02.2009 03:32
von Manfred- Mader • 337 Beiträge

Hallo Corinna & Willi,

ich weiß, Kinder sind bestimmt noch ärmer, ich habe meinen leiblichen Vater verloren als ich 5 Jahre war und habe es selber gespürt.

Meine Tochter war 18, auch noch ein Kind, aber meine zwei Mädels gaben sich gegenseitig Kraft. Doch bin ich sicher, dass das Leben meiner Tochter nicht so schnell zu ihrer ersten Ehe geführt hätte, wenn ich noch der ganze Mann gewesen wäre.

Corinna, deine Kinder sind noch jünger, aber in einem Alter, wo sie das verstehen. Begreifen können sie es genau so wenig wie Du.

Meine Frau hat alles verdrängt, deshalb habe ich es ihr aufgeschrieben und es wurde ein Buch daraus.
Muss ein Selbstschutz sein, denn sie erinnerte sich erst beim Lesen daran, was damals alles passierte. Aber es hat ihr geholfen, ihr Leben zu verarbeiten.

Ich möchte dir und deiner Familie raten, dass jeder schreibt, wie er das damals erlebte. Meiner Familie hat das gut getan, es erleichtert die Seele, auch wenn es momentan weh tut.

Ich denke, deine Therapeutin weiß schon warum sie dir Hausaufgaben machen lässt, so kommst du mit dir auf gleich.
Du erzählst es dir selber, deiner besten Freundin!!!

Denke nicht, dass du die Einzige bist, die das Gefühl hat mit allem alleine fertig werden zu müssen, du wirst das von deinem Mann und deinen Kindern auch lesen!!!

Jeder weiß, dass eure Familie in einer Ausnahmesituation ist und will alles tun um die Familie zu schützen.
Du bist da ganz sicher nicht allein.
Ich finde es auch gut, dass du Therapie annimmst, Anuschka hat ihre Therapeutin sehr gut getan und das Beste war dann unsere Enkeltochter, die bringt wieder Sonne in unser Leben.

Euch möge das auch passieren, es gibt sie noch, die besseren Zeiten!!!

Liebe Grüße Manfred


Nach Regen kommt immer wieder Sonnenschein
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#6

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 13.02.2009 10:53
von Detlef&Floh • 58 Beiträge

Hallo Corinna

Deine Hausaufgaben treffen glaube ich auf jeden Angehörigen zu.Du hättest es nicht besser beschreiben können.Als meine Freundin im Krankenhaus lag und sie über den Berg war sagte eine Krankenschwester zu mir "das schwerste haben sie noch vor sich" ich wusste nie was sie damit meinte heute weiss ich es.Am Anfang hatten wir noch alle die Hoffnung und die Kraft um zu kämpfen aber irgendwan schwindet die Kraft und man kann nicht mehr.Wie alles weiter geht das wissen wir nicht,erst der Nervenzusammenbruch jetzt bin ich fürs erste EU Rentner,was wird aus meinem Job alles Sachen die einem im Kopf rum gehen.Nach aussen versucht man sich immer noch stark zu zeigen obwohl man es schon lange nicht mehr ist.Was mich am meisten belastet ist diese verdammte Einsamkeit und ich glaube da bin ich nicht der einzigste.

Liebe Grüße Detlef

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#7

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 13.02.2009 12:53
von Steffi Köster • 364 Beiträge

Detlef, deinem letzten Satz ist nichts hinzuzufügen.

Ich habe es immer mit den Worten beschrieben, obwohl ich nicht alleine bin, bin ich doch einsam.

Die Betroffenen wissen was ich meine.....


Herzliche Grüße

Steffi
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#8

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 13.02.2009 13:12
von Corinna Iden • 532 Beiträge

Gemeinsam einsam


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#9

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 15.02.2009 17:17
von Elke_Hillbrand

Ihr lieben Angehörigen und Betroffenen,

ihr wisst ja, dass ich seit langer Zeit besonders für die Angehörigen, die ich selber MITBETROFFENE nenne, einstehe.

Vieles von dem was ihr schreibt, kann ich nur so bestätigen.

Den Betroffenen will ja niemand ihr Leid absprechen oder es herunterspielen. Der Unterschied ist nur, dass wir Mitbetroffenen nicht die Hilfe bekommen, nicht die Unterstützung, nicht das Verständnis des Umfeldes. Auch hier möchte ich heute niemanden mehr Vorwürfe machen… Wer kann sich schon wirklich in eine Lage versetzen, die er nicht selbst zumindest annähernd erlebt hat.

Ja und gerade die Wesensveränderung ist ein großes und schwieriges Thema, was ebenfalls von der Außenwelt gar nicht wahrgenommen oder missverstanden wird.

Auch ich hatte immer das Gefühl, als wäre mein früherer Mann gestorben, und nur sein Körper wäre bei uns geblieben… Ich mag gar nicht drüber nachdenken, wie das in all den Jahren unsere Kinder empfunden haben, obwohl ich das natürlich in vergangener Zeit Tag und Nacht getan habe.

Belastend fand ich auch die ständige Anwesenheit von ihm … und gleichzeitig das Gefühl von Einsamkeit wie ihr es auch ansprecht…

NIE ALLEIN UND IMMER EINSAM …. Gefühlsmäßig vom Ehemann verlassen, vom Umfeld missverstanden, übersehen oder nicht richtig wahrgenommen.

Ohja … „die starke Elke“ … die war ich auch! … Und wie gerne wäre ich einfach schwach gewesen! Hätte mich auch mal auffangen lassen, mich an einer starken Schulter angelehnt oder ausgeheult… Aber was bleibt einem übrig, als weiter zu machen, den Partner und die Kinder aufzufangen, versuchen mit sich selbst und dem verhassten neuen Leben klarzukommen???!!!

Ich kann nur allen Mitbetroffenen hier wünschen, dass jeder seinen Weg findet, mit der veränderten Situation irgendwie klar zu kommen und immer wieder neue Quellen der Kraft aufzutun.

LG
Elke


"Möge Gott mir die Gelassenheit geben,
die Dinge anzunehmen, die ich nicht ändern kann,
den Mut die Dinge zu ändern, die ich ändern kann,
und die Weisheit, das eine vom anderen zu unterscheiden!"
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#10

RE: Angehörige sind auch Betroffene

in Anlaufstation für Sorgen, Ängste, Stimmungen und Emotionen. 15.02.2009 17:45
von Corinna Iden • 532 Beiträge

Gerade heute , wo es mir so richtig sch.... geht , könnt ihr bei solchen Texten heulen.
Können manche Leute nicht gucken oder fragen wir einfach nicht ?
Sorry, vielleicht bin ich heute gefühlsdusselig ,aber es widert mich an.


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(A.Kerr)
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